Abby ist keine Figur, die man in The Last of Us einfach nebenbei konsumiert. Sie verschiebt die Geschichte von einer klaren Racheerzählung hin zu einem moralisch viel unbequemeren Drama über Verlust, Perspektive und die Frage, wie weit ein Spiel seine Spieler zum Mitfühlen zwingen darf. Genau deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick auf ihre Rolle, ihre Motive und ihren Platz in der Reihe.
Ich ordne hier ein, wer Abby ist, warum sie die Handlung von The Last of Us Part II so stark prägt, weshalb sie bis heute polarisiert und was ihre Darstellung spielerisch wie erzählerisch so effektiv macht.
Was Abbys Rolle in The Last of Us ausmacht
- Abby ist keine Nebenfigur, sondern eine zweite Hauptperspektive mit eigener emotionaler Logik.
- Ihr Rachemotiv entsteht aus einem konkreten Verlust und treibt die Handlung über drei Tage in Seattle an.
- Die Figur ist als Gegenpol zu Ellie gebaut und macht die Gewaltspirale der Reihe erst richtig sichtbar.
- Ihr Körper, ihr Kampfstil und ihre Ausrüstung sind erzählerische Werkzeuge, keine bloßen Design-Details.
- Die Kontroverse um Abby sagt viel über Erwartungen an Heldinnen im Gaming aus.
- Wer Abby verstehen will, sollte sie nicht nur als Gegnerin lesen, sondern als Spiegel der gesamten Geschichte.

Wer Abby in der Geschichte wirklich ist
Abby Anderson ist ein ehemaliges Mitglied der Fireflies, also jener Widerstandsgruppe, die in der Welt von The Last of Us nach einem Heilmittel sucht und dafür bereit ist, fast jede Grenze zu überschreiten. Als Joel ihren Vater Jerry tötet, kippt für sie alles: Aus Trauer wird Fixierung, aus Fixierung wird Rache, und aus Rache wird ein kompletter Erzählstrang, der sich nicht auf einen simplen Bösewicht reduzieren lässt.
Später begegnet man ihr als Soldatin der Washington Liberation Front in Seattle, mitten in einem Krieg gegen die Seraphiten. Genau das macht sie interessant: Sie ist nicht nur die Frau, die Joel jagt, sondern jemand, der längst in einem System aus Gewalt, Loyalität und Überleben feststeckt. Abby funktioniert deshalb wie ein Spiegel für die anderen Figuren und nicht wie ein austauschbarer Gegenspieler.
Naughty Dog hat ihre emotionale Reise schon früh bewusst in den Mittelpunkt gestellt und Abby als Gegenkraft zu Ellies Perspektive aufgebaut. Für mich ist das der erste wichtige Punkt: Man versteht Abby nur, wenn man ihre Biografie ernst nimmt und sie nicht auf ihren ersten Auftritt reduziert. Und genau daraus ergibt sich die nächste Frage: Warum verschiebt ihre Perspektive die ganze Handlung so stark?
Warum Abbys Perspektive die Handlung kippt
Der eigentliche Trick der Erzählung besteht darin, dass The Last of Us Part II Abby nicht erst am Rand erklärt und dann wieder beiseiteschiebt. Das Spiel zwingt dazu, ihre Motive, ihre Beziehungen und ihre Verletzlichkeit mitzuerleben. Dadurch entsteht keine zweite Story als Bonus, sondern eine narrative Umkehr, die die gesamte Wahrnehmung der Handlung verändert.
| Aspekt | Abby | Wirkung auf die Handlung |
|---|---|---|
| Ausgangslage | Verlust des Vaters und Wunsch nach Vergeltung | Der Konflikt bekommt ein persönliches Fundament statt nur einen Plot-Anlass |
| Erzählfunktion | Zweite Hauptperspektive mit eigener emotionaler Linie | Der Spieler wird gezwungen, dieselbe Welt aus einem anderen moralischen Winkel zu sehen |
| Beziehung zu Ellie | Spiegel und Gegenpol zugleich | Beide Figuren treiben sich gegenseitig in radikalere Entscheidungen |
| Wirkung | Erst Distanz, dann Empathie | Die Geschichte bricht bewusst die Erwartung an eine klassische Heldin oder Schurkin |
Die Struktur ist deshalb so wirksam, weil sie ein typisches Schwarz-Weiß-Muster zerstört. Wer zuerst mit Abby konfrontiert wird, erlebt Härte und Brutalität. Wer dann ihre Alltagsmomente, Bindungen und Zweifel sieht, merkt schnell, dass die Figur nicht für einfache Urteile gebaut wurde. Das ist unbequem, aber genau darin liegt die Qualität.
Ich würde sogar sagen: Ohne Abby wäre Ellies Weg deutlich geradliniger, aber auch viel weniger spannend. Erst durch den Gegenpol entsteht die eigentliche emotionale Spannung. Und genau deshalb wurde Abby so heftig diskutiert.
Warum Abby so kontrovers geblieben ist
Die Kontroverse begann nicht, weil Abby zu hart oder zu dominant geschrieben wäre, sondern weil das Spiel eine Erwartung bricht, die viele an Hauptfiguren haben: Man soll nicht nur verstehen, warum jemand handelt, sondern die Figur auch schnell mögen. Abby verweigert diese Bequemlichkeit zunächst komplett.
Hinzu kommt, dass ihre Rolle mit Joel den emotionalen Kern des ersten Spiels trifft. Wer The Last of Us vor allem über Bindung, Schutz und Verlust gelesen hat, erlebt Abbys Handlungen automatisch als Angriff auf diese Ordnung. Das ist kein Fehler der Figur, sondern genau der Punkt, an dem die Geschichte absichtlich weh tut.
- Legitime Kritik betrifft Tempo, Perspektivwechsel und die Frage, wie hart das Spiel den Spieler zum Umschalten zwingt.
- Unfaire Kritik setzt häufig dort an, wo aus Figurenkritik schnell ein Angriff auf Aussehen, Körper oder Weiblichkeit wird.
- Der eigentliche Kern ist nicht Sympathie, sondern die Frage, ob man eine Figur akzeptiert, die moralisch schwer auszuhalten ist.
Für mich ist das auch der Punkt, an dem das Spiel seine stärkste These formuliert: Empathie ist keine Belohnung, sondern Arbeit. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf Abby nicht nur inhaltlich, sondern auch spielerisch.
Wie sich Abby spielerisch von Ellie unterscheidet
PlayStation beschreibt die Remastered-Fassung inzwischen ausdrücklich als Erlebnis von Ellies und Abbys emotionalen Reisen, und das trifft den Kern ziemlich gut. Spielmechanisch ist Abby direkter angelegt als Ellie: mehr Wucht, mehr Nähe, mehr physischer Druck. Das passt zu ihrer Biografie und zu ihrer Funktion im Plot.
| Aspekt | Abby | Ellie | Warum das wichtig ist |
|---|---|---|---|
| Kampfstil | Direkter, kräftiger, oft auf Konfrontation ausgelegt | Leiser, improvisierter, stärker auf Ausweichung und Taktik | Der Unterschied erzählt schon im Kampf, wie unterschiedlich beide die Welt lesen |
| Emotionale Wirkung | Wirkt anfangs härter und weniger zugänglich | Ist für viele Spieler leichter zu greifen | Genau dieser Abstand erzeugt Reibung und später Empathie |
| Ausrüstung | Praktisch, militärisch und auf Überleben getrimmt | Improvisiert und oft knapper im Gefühl | Die Ausrüstung unterstützt die jeweilige Figur statt nur hübsch zu sein |
| Narrative Funktion | Bringt die Handlung in Bewegung und zwingt zur Gegenperspektive | Trägt den emotionalen Nachhall und die Obsession | Erst zusammen ergeben beide Figuren die eigentliche Aussage des Spiels |
Ich finde diesen Unterschied wichtig, weil er zeigt, wie sauber Naughty Dog Form und Inhalt verbindet. Abby spielt sich nicht nur anders, weil Abwechslung gefragt war, sondern weil die Mechanik die Figur mitdenken soll. Das ist deutlich stärker als bloß ein alternativer Skin mit anderer Waffe.
Darum wird Abby erst im Zusammenspiel von Story und Gameplay wirklich verständlich. Und genau an dieser Schnittstelle wird auch die Serienadaption interessant.
Wie die Serienadaption die Figur anders einordnet
In der Serie spielt Kaitlyn Dever Abby, und schon diese Besetzung zeigt, dass die Figur nicht 1:1 über Körperlichkeit definiert wird. Im Fernsehen zählt stärker, wie glaubwürdig jemand inneren Druck, Trauer und Wut transportiert. Ich halte das für sinnvoll, weil Abby nie nur ein Muskelpaket war, sondern vor allem ein Charakter, dessen Härte aus Verlust entsteht.
Der Unterschied zum Spiel ist trotzdem relevant: Ein Serienformat kann Perspektivwechsel nicht so lange auskosten wie ein interaktives Medium. Deshalb muss die Serie Abby schneller verankern, ihre Bindungen klarer setzen und ihren Konflikt früher verständlich machen. Das ist eine andere Form von Verdichtung, kein automatisches Abschwächen.
Für die Wahrnehmung der Figur ist das wichtig, weil Abby im Serienkontext noch stärker als Figur mit moralischer Ambivalenz funktioniert. Wer nur auf ihre erste Tat schaut, sieht zu wenig. Wer ihre innere Logik erkennt, versteht, warum sie als Gegenpol so wertvoll ist.
Damit stellt sich für Spieler und Zuschauer dieselbe Frage: Wie nähert man sich Abby, ohne sie vorschnell festzunageln?
Was man aus Abbys Geschichte für den nächsten Durchlauf mitnimmt
Wenn ich Abby heute einordne, lande ich bei drei praktischen Empfehlungen für den nächsten Durchlauf oder die erste Begegnung mit der Figur:
- Ich würde sie nicht als Schurkin lesen, sondern als Figur, die das Thema Vergeltung radikal konsequent zu Ende denkt.
- Ich würde auf ihre Beziehungen achten, vor allem auf alles, was sie außerhalb von Gewalt definiert.
- Ich würde die Chronological Experience der Remastered-Fassung eher für einen zweiten Durchlauf nutzen, weil sie die Motivationskette klarer sichtbar macht, aber den emotionalen Rhythmus verändert.
Am Ende ist Abby gerade deshalb so stark, weil sie keine bequeme Antwort liefert. Sie macht The Last of Us größer, härter und ehrlicher, als es eine reine Heldenreise je könnte. Wer das akzeptiert, sieht in ihr nicht nur eine umstrittene Figur, sondern einen der wichtigsten Gründe, warum die Reihe narrativ so lange nachhallt.